Optimierung der Arbeit in Befehlsstellen durch EDV
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Stephan Bandlow
Optimierung der Arbeit in Befehlsstellen durch EDV
[ Ein Lösungsansatz aus dem Norden Deutschlands]
Zusammenfassung: In nahezu allen Lebensbereichen hat die moderne Kommunikation Einzug gehalten. E- Mail, Internet und Datenübertragung per GPRS sind nur einige wenige Schlagworte zu diesem Thema. Der Bericht beschreibt die Grundgedanken und -anforderungen einer Katastrophenschutzbehörde im Norden der Bundesrepublik Deutschlands sowie den bisherigen Umsetzungsstand auf dem Weg zur „papierlosen“ Befehlsstelle.
Schlüsselwörter: Befehlsstelle, Einsatzverfolgung, Interaktive Lagekarte, aufwachsende Lagen, EDV- Einsatz
Schleswig- Holstein, die nördlichste Region der Bundesrepublik Deutschland, ist – eingerahmt zwischen Nordund Ostsee – als beliebtes Urlaubsland weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Und doch trügt der Schein der so perfekten Urlaubsidylle manchmal, denn kräftiger Herbstwind und der natürliche Lauf von Ebbe und Flut an der Nordseeküste sorgen alljährlich für viel Arbeit bei den Feuerwehren und den Katastrophenschützern im Lande.
Zwar schützen moderne Deiche und Sperrwerke die Menschen und machen das Risiko einer Überflutung kalkulierbarer, aber immer heftigere Sturmfluten und zusätzlich auftretende Unwetterschäden im gesamten Hinterland sorgen dafür, dass sich die Verantwortlichen für den Katastrophenschutz stets auf den Fall vorbereiten müssen, der hoffentlich nie eintritt.
Es verwundert bei diesem Risikopotenzial nicht, dass sich eine derart von den Naturgewalten bedrohte Bevölkerung und ihre Sicherheitsbehörden so gut wie irgend möglich auf die Bewältigung derartiger Lagen einstellt und vorbereitet. Zu dieser Vorbereitung gehört auch die Schaffung effektiver Führungsstrukturen und damit einhergehend von leistungsfähigen und modern ausgestatteten Befehlsstellen.
Aber welche technischen Hilfsmittel und Innovationen gibt man einer Einsatzleitung oder einem Führungsstab zur Optimierung ihrer Arbeit an die Hand?
Diese Fragestellung hat den Kreis Pinneberg, der als Elbanrainer regelmäßig mit schweren Sturmfluten konfrontiert wird, so sehr beschäftigt, dass die dortigen Verantwortlichen intensiv nach einer Möglichkeit zur Optimierung der Arbeit in den vorhandenen Befehlsstellen gesucht haben. Insbesondere den Gesamtkomplex Einsatzverfolgung und Lagedarstellung, der seit Jahrzehnten mit unveränderten Arbeitsmitteln tätig wird, galt es nach den Vorstellungen der Planer zu verbessern. Dabei war von Anfang an erkennbar, dass ein EDV- gestütztes System nur dann umsetzbar sein wird, wenn es in ortsfesten wie mobilen Befehlsstellen (Einsatzleitfahrzeugen) eingesetzt werden kann. Darüber hinaus sollte durch einen modularen Aufbau der Software die Möglichkeit eines schrittweisen Ausbaus von der Einzellösung in einem Führungsfahrzeug bis hin zum nahezu „papierlosen“ Führungsstab gegeben sein. Auch sollte die Lösung später nicht an fehlenden Haushaltsmitteln scheitern; daher strebte man an, möglichst viele Standardkomponenten in den Bereichen Hard- und Software einzusetzen.
Der Wunsch nach einer modernen und zugleich effektiven EDV- gestützten Methode zur Lagedarstellung und Einsatzverfolgung wurde an das Projektteam der TecBOS GmbH herangetragen, das als Exklusivpartner der MSA AUERGmbH auch schon für die Software der vollautomatischen Atemschutz-Prüfstandserie ProfiCHECK und der mobilen Einsatzüberwachung (Telemetrie) alpha Personal Network verantwortlich zeichnete. Im Rahmen von mehreren Projektgesprächen und unter Beteiligung von erfahrenen Einsatzleitern und Mitarbeitern der zuständigen Leitstelle wurden die Arbeitsprozesse aus den bestehenden Führungsgremien transparent aufbereitet und anschließend überlegt, welche Arbeitsbereiche durch den EDV- Einsatz optimiert werden sollen. Dabei war es von großem Vorteil, dass die Mitarbeiter von TecBOS sich bereits seit 1989 mit Software im Bereich Public Safety beschäftigen – Anforderungen und Erschwernisse des Feuerwehralltags waren für Projektanten und Entwickler keine Fremdworte. So kristallisierte sich schnell heraus, was die Software zukünftig leisten muss: Die Gesamtlösung sollte alle in einer Einsatzleitung oder in einem Führungsstab auftretenden Prozesse der Nachrichtenbearbeitung sowie der Kräfte- und Patientenverwaltung erfassen, transparent darstellen und zielgerichtet kommunizierbar machen – die Dokumentation und Datensicherung muss dabei weitestgehend automatisiert im Hintergrund ablaufen. Für die Weiterleitung von Meldungen müssen alle modernen Medien, wie z.B. auch E-Mail, nutzbar sein. Durch einen frei skalierbaren Aufbau der Software müssen zudem alle Anwendungsfälle – vom teilweisen EDV-Einsatz unter Weiterverwendung der klassischen 4-fach-Nachrichtenvordrucke bis hin zur vollen EDV- Unterstützung als Mehrplatzsystem mit automatischer Datenübernahme aus dem Einsatzleitsystem der Leitstelle – realisiert werden können. Die abgesetzte Datenerfassung, z.B. von Patienten durch den Leitenden Notarzt am Behandlungsplatz oder von Fahrzeug- und Kräfteinformationen im Bereitstellungsraum mittels PDA oder Tablett- PC muss optional möglich sein.
Die Verwendung standardisierter Bedienungsabläufe und Bedienoberflächen muss es auch gelegentlichen Nutzern ermöglichen das Programm sicher und zuverlässig zu bedienen.
Für schnelle und fundierte Entscheidungen in Einsatzleitungen und Führungsstäben ist es neben einem derart optimierten Nachrichtenfluss unabdingbar, Einsatzlagen mit ihrem aktuellen Status eindeutig zu visualisieren. Daher wurde gefordert, dass mit der in die Einsatzverfolgung integrierten interaktiven Lagekarte alle relevanten Pläne, Karten und sogar aktuelle Einsatzbilder, z.B. im Einsatz von einer Drehleiter aus aufgenommene Digitalfotos, dargestellt, bearbeitet und abgespeichert werden können.
Auch als Layerebene über bereits vorhandenen GIS- Programmen sollte die Software zum Einsatz kommen können. Als besonderes Feature wurde für die interaktive Lagekarte eine Speicherfunktion in Echtzeit gefordert – der daraus entstehende „Lagefilm“ soll im Nachhinein eine lückenlose Dokumentation des Einsatzverlaufs aus Sicht der Befehlsstelle ermöglichen. Selbstverständlich war eine Druckfunktion für die schnelle Bereitstellung von Kopien der Lagekarte oder das Erzeugen von PDF- Dateien eine weitere wesentliche Forderung.
Die interaktive Lagekarte wie auch die gesamte Einsatzverfolgung muss auf den verschiedensten Hardwareplattformen, wie z.B. TFT- Bildschirmen, multimedialen Großdisplays oder auch als Beamerprojektion, visualisiert werden können. Für die Anwendung in Führungsfahrzeugen und kleinen Einsatz- bzw. Abschnittsleitungen muss die interaktive Lagekarte auch als Stand- alone- Lösung ohne das Modul Einsatzverfolgung, z.B. auf einem Notebook mit zusätzlich angeschlossenem TFTBildschirm, lauffähig sein.
Die wichtigsten Startparameter und Eckpfeiler für die Softwareentwickler waren damit gesetzt. Zusätzlich ausgestattet mit Dienstanweisungen und Lehrbüchern über Stabsarbeit gingen die Programmierer ans Werk. Das Ergebnis ihrer rund zweimonatigen Arbeit kann sich sehen lassen und ist seit einem halben Jahr in den ersten zwei Befehlsstellen im Echtbetrieb. Im Endausbau, der für Ende dieses Jahres angestrebt wird, werden insgesamt sieben Einrichtungen der Führung – davon drei mobile Befehlsstellen in Form von Einsatzleitwagen der Bauart ELW 2 – die Softwarelösung einsetzen.
Die jetzt bereits ausgerüsteten Stabsbereiche können unter Nutzung der modernen Softwarelösung eingehende Nachrichten erfassen, Aktionen auslösen und aktuelle Statusmeldungen von Einsatzkräften- und mitteln hinterlegen und verfolgen. Auf einen Blick sind Einsatzstärken, die Zuordnung zu Einsatzabschnitten oder Bereitstellungsräumen zu erkennen.
Dieser ständige Gesamtüberblick ermöglicht es der Einsatzleitung jederzeit schnell und effektiv auf Lageveränderungen zu reagieren. Eine Vielzahl von Eingabehilfen, Auswahlfeldern und Plausibilitätskontrollen erleichtert die Arbeit mit dem System und standardisiert Arbeitsabläufe. In der Einsatzverfolgung können protokollpflichtige Informationen zur Lage mit Datum, Uhrzeit und Absender erfasst werden. Im Einsatztagebuch sind alle ein- und ausgehenden Meldungen, z.B. Faxe, Anrufe und Funkgespräche, exakt protokolliert. Durchzuführende Aufgaben und Aktionen können hinterlegt und deren Status verfolgt werden. Neben einer Übersicht der offenen Aktionen mit integrierter Terminüberwachung kann eine Gesamtübersicht über alle Meldungen in einem Sichterfenster permanent angezeigt werden. Anrückende Kräfte werden mit Fahrzeugart und Mannschaftsstärke geführt. Die Verwaltung – sowohl eigener als auch externer Kräfte – ist dabei problemlos per Drag- and- drop- Funktionalität möglich.
Neben einer Status- und Standortverwaltung der eingesetzten Kräfte erhalten die Einsatzleiter oder Sachbearbeiter so eine ständige Übersicht über alle verfügbaren Einheiten und Mittel (Fahrzeuge, Sondergeräte etc.). Damit ist eine optimale Voraussetzung zur weitestgehend automatisierten Anforderung von Unterstützungskräften und Ablösungen über die Leitstelle gegeben.
Weiterhin ist es einfach möglich, eine Großschadenlage in beliebig viele Einsatzabschnitte einzuteilen. Diesen Abschnitten können dann Einheiten mit entsprechenden Kräften zugeordnet werden. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, auf den jeweils aktuellsten Katastrophenschutzplan der Behörde zuzugreifen.
In einem weiteren Menüpunkt der Einsatzverfolgung können die Einsätze von Rettungsfahrzeugen und die dazugehörigen Patientendaten detailliert dokumentiert werden. So können eingetroffene Rettungsdiensteinheiten mit Standort, Besatzung und Fahrzeugtyp erfasst, ihnen Einsatzbereiche zugewiesen und die daraus resultierenden Fahrzeugbewegungen protokolliert werden. Des Weiteren können jegliche Daten von Personen, die während des Einsatzgeschehens verletzt und dem Rettungsdienst übergeben worden sind, schnell und einfach im System erfasst werden.
Personenbezogene Informationen wie Name, Geburtsdatum und Geschlecht können mühelos hinterlegt, die Nummer der Patienten-Anhängekarte zugewiesen sowie der festgestellte Verletzungsgrad und das Transportziel dokumentiert werden.
Alle Daten lassen sich anschließend als frei konfigurierbare Reports ausdrucken. Für die Arbeit in den Führungsstäben der Landkreise wurde auch die Möglichkeit geschaffen, mehrere Großschadenlagen parallel zu bearbeiten.
Die Bild- und Objektverwaltung liefert zusammen mit der interaktiven Lagekarte eine visualisierte Entscheidungsgrundlage für die Mitglieder der Befehlsstelle.
Soweit die Dateninhalte eine automatisierte Übertragung aus der Einsatzverfolgung in die Lagekarte zulassen (z.B. Zuordnung von Einheiten zu Schadenkonten einzelner Abschnitte) erfolgt dies automatisch. Die Lagekarte erlaubt es taktische Zeichen, Gefahrensymbole und Freitexte hinzuzufügen. Zusätzlich stehen die aus Grafikprogrammen bekannten Zeichenfunktionen zur Verfügung.
Detailinformationen wie z.B. Luftbilder oder Feuerwehr-Einsatzpläne aus der Bild- und Objektverwaltung lassen sich optional in die Lagekarte einblenden. Alle Eintragungen und Vorgänge auf der Lagekarte werden in Echtzeit gespeichert und können beliebig oft angeschaut werden – für die Mitglieder des Führungsgremiums erstmals eine lückenlose Dokumentation ihrer Entscheidungsgrundlage!
Für Lagevorträge oder Pressekonferenzen kann die integrierte Funktion „Zeitraffer“ genutzt werden – sie ermöglicht es, die Echtzeit- Lageentwicklung in bis zu 16-facher Geschwindigkeit zu präsentieren. Fast schon selbstverständlich, dass die Entwickler auch an die Möglichkeit zum Spulen und an eine Standbildfunktion gedacht haben. Um auch übergeordnete Dienststellen mit einem aktuellen Lagebild ausstatten zu können, besteht zusätzlich die Möglichkeit den kompletten Lagefilm als .avi- oder .mpeg- Datei per E-Mail zu versenden – er steht somit auch dort zur Verfügung, wo bisher kein entsprechendes Programmmodul der TecBOS GmbH installiert wurde.
Rückblickend hat sich die Projektierung und Einführung eines EDV- basierten Stabsunterstützungsmodells für den Einsatz in den verschiedensten Befehlsstellen der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr schon jetzt bewährt. Der sukzessive Aufbau einer homogenen IT- Struktur in den Befehlsstellen ermöglicht nicht nur eine lückenlose Dokumentation von Einsatzabläufen ohne personellen Mehraufwand, er ermöglicht auch Vernetzungslösungen und die Abbildung dynamisch aufwachsender Einsatzlagen, da einmal in der Leitstelle bzw. der örtlichen Einsatzleitung erfasste Szenarien ohne besonderen Aufwand an die Einsatzverfolgung der übergeordneten Führungsebene übergeben werden können.
Optional dürfen sogar beide Befehlsstellen (z.B. örtliche Einsatzleitung und Führungsstab) gemeinsam eine Lage inklusive der interaktiven Lagekarte bearbeiten. Durch eine weitestgehend aus der Windows- Welt des heimischen PCs übernommene Oberflächen erfolgt die Bedienung durch Erstnutzer fast schon intuitiv.
Mit einer Basisausstattung auf einem Tablett- PC, einem Notebook und einem 21“ TFT- Bildschirm wird derzeit in einem weiteren Projektschritt geprüft, ob eine Ausstattung von Fahrzeugen auf örtlicher Ebene (ELW 1 des Zugführers oder der Gemeindefeuerwehr etc.) die Handlungsoptionen bei aufwachsenden Einsatzlagen nicht noch weiter verbessern könnte. Eine derartige Fahrzeugausstattung ermöglicht dann auch die sinnvolle Integration von Softwaremodulen für den Regeleinsatz der Feuerwehr, wie z.B. der Telemetrie im Atemschutzeinsatz, mittels MSA alphaSCOUT oder die ebenfalls angebotene händische Atemschutzüberwachung auf EDV- Basis. Die mit dem erweiterten Einsatzspektrum der Software verbundene häufigere Verwendung des Systems wird einen zusätzlichen Lerneffekt haben und sich positiv auf die Akzeptanz der Gesamtlösung auswirken.
Stephan Bandlow
Kreisverwaltung Pinneberg
Integrierte Regionalleitstelle Elmshorn
Agnes- Karll Allee
D- 25 337 Elmshorn
Weitere Informationen:
TecBOS GmbH
Industriestraße 22
D- 25 469 Halstenbek
www.tecbos.de



